Religiöse Vielfalt in der Schweiz: Zwischen christlicher Prägung und buddhistischer Diaspora

Religiöse Landschaft und verfassungsrechtliche Grundlagen

Die Schweiz ist traditionell ein christlich geprägtes Land. Laut aboutswitzerland.eda.admin.ch gehören 32 Prozent der Bevölkerung der römisch-katholischen und 21 Prozent der evangelisch-reformierten Kirche an. Beide Konfessionen sind in den meisten Kantonen öffentlich-rechtlich anerkannt und werden über vom Staat eingezogene Kirchensteuern finanziert. Parallel dazu hat der Anteil der Personen ohne Religionszugehörigkeit stark zugenommen: Waren es 1970 noch 1 Prozent, bezeichnen sich heute 34 Prozent der Schweizer Bevölkerung als konfessionslos.

Religiöse Vielfalt in der Schweiz: Zwischen christlicher Prägung und buddhistischer Diaspora
© Godot13 (CC BY-SA 4.0)

Die Religionsfreiheit ist als Grundrecht in der Bundesverfassung verankert und ermöglicht auch anderen Glaubensgemeinschaften die freie Ausübung ihrer Religion. Neben den christlichen Kirchen leben in der Schweiz Muslime (rund 6 Prozent), Juden (0,2 Prozent) sowie Angehörige von Freikirchen, orthodoxen Kirchen, Buddhismus, Hinduismus und Sikhismus. Das Haus der Religionen in Bern vereint acht verschiedene Religionsgemeinschaften unter einem Dach und steht symbolisch für den religiösen Pluralismus.

Buddhismus in der Schweiz: Von der Nische zur etablierten Präsenz

Der Buddhismus hat in der Schweiz eine Geschichte von über hundert Jahren. 1910 hielt sich der deutschgeborene Mönch Nyanatiloka im Tessin auf und lebte später im «Caritas Viharo» in Lausanne – der ersten buddhistischen Einsiedelei auf europäischem Boden. Die erste buddhistische Organisation, die Buddhistische Gemeinschaft Zürich, bildete sich 1942.

Wachstum durch Flucht und Migration

Entscheidende Impulse erhielt der Buddhismus durch die Aufnahme von Flüchtlingen. In den frühen 1960er Jahren nahm die Schweiz als erstes europäisches Land rund 1000 tibetische Flüchtlinge auf. Auf Wunsch des 14. Dalai Lama entstand 1968 das klösterliche Tibet-Institut Rikon im Kanton Zürich, das heute neun Mönche beherbergt und über die Schweiz hinaus Bedeutung besitzt.

In den 1970er Jahren folgten Flüchtlinge aus Vietnam (sogenannte Boat-People). Zwischen 1975 und 1983 nahm die Schweiz rund 8200 Kontingentflüchtlinge aus Indochina auf. Dies führte zur Gründung vietnamesisch-buddhistischer Gemeinschaften und Tempel, etwa in Nebikon (LU), Ecublens (VD) und Zollikofen (BE). 1978 wurde die Schweizerische Buddhistische Union (SBU) als Dachverband gegründet, der heute rund 100 Klöster, Zentren und Gruppen vertritt.

Traditionen und demografische Einordnung

Der Buddhismus in der Schweiz ist vielfältig und umfasst verschiedene Schulen:

  • Tibetischer Buddhismus (Vajrayana): Dominierend mit etwa 45 Prozent der Gemeinschaften, vertreten durch das Tibet-Institut Rikon und verschiedene Zentren.
  • Mahayana: Zu etwa 40 Prozent vertreten, darunter vietnamesische Zen-Gemeinschaften und japanische Zen-Zentren wie das Haus Tao in Appenzell Ausserrhoden.
  • Theravada: Vor allem durch thailändische Tempel wie das Wat Srinagarindravararam in Gretzenbach (SO) und das Kloster Dhammapala in Kandersteg.

Laut Bundesamt für Statistik bezeichneten sich 2016 etwa 37.000 Personen (0,5 Prozent der Bevölkerung) als Buddhisten. Religionswissenschaftler gehen jedoch von bis zu 250.000 Personen aus, die sich dem Buddhismus zugehörig fühlen, darunter viele sogenannte «Nachttisch-Buddhisten», die sich intellektuell mit der Lehre auseinandersetzen, ohne einer Gemeinschaft anzugehören. Knapp 160 buddhistische Gruppen und Zentren mit mindestens fünf Mitgliedern sind in der Schweiz aktiv.

Wandel der Religiosität: Von Ritual zu individueller Praxis

Der Buddhismus in der Schweiz hat sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt. Während für die erste Generation tibetischer Flüchtlinge noch kollektive Rituale wie das Entzünden von Butterlämpchen, Tempelbesuche und Bittgebete zentral waren, prägt heute eine zunehmend individuelle Religiosität das Bild.

Generationenwandel und neue Ausrichtung

Wie eine Untersuchung der Universität Bern zeigt, steht für junge Tibeterinnen und Tibeter heute oft die Meditation und philosophische Auseinandersetzung im Vordergrund – Praktiken, die traditionell Mönchen vorbehalten waren. Das Tibet-Institut Rikon bietet daher neben traditionellen rituellen Diensten heute Einführungen in Meditationspraxis und das säkulare «SEE Learning» (soziales, emotionales und ethisches Lernen) an, das in Zusammenarbeit mit der Emory-Universität und dem Dalai Lama entwickelt wurde.

Diese Individualisierung führt paradoxerweise zu einer Annäherung zwischen den Generationen: Während ältere Tibeterinnen traditionelle Rituale pflegen, tauschen sich heute Grossmütter und Enkelinnen über Meditationserfahrungen aus. Die kritische Reflexion traditioneller Formen steht dabei im Vordergrund, ohne dass es zu grösseren Konflikten kommt. Die Schulzugehörigkeit innerhalb des tibetischen Buddhismus, einst wichtiges Identitätsmerkmal, tritt bei der dritten Generation zunehmend in den Hintergrund.

Unterschiede zwischen Migranten- und Konvertitengemeinden

Ein Spannungsfeld besteht zwischen migrantischen Gemeinden und westlich geprägten Konvertiten. Vietnamesische Tempel wie der in Nebikon sind Orte lebendiger Gemeinschaft, wo das Vesak-Fest (Buddhas Geburtstag) mit Prozessionen, ritueller Buddha-Waschung und Ahnenverehrung gefeiert wird. Für westliche Buddhisten steht oft die Meditation als Entspannungstechnik und Lebenshilfe im Mittelpunkt, während komplexe Rituale als «zu katholisch» empfunden werden können.

Religionswissenschaftler unterscheiden daher zwischen «ethnischem Buddhismus» der Migrantengemeinden, der kulturelle und rituelle Aspekte betont, und «konvertiertem Buddhismus», der sich auf Meditationspraxis und philosophische Lehre konzentriert.

Finanzierung, Anerkennung und Infrastruktur

Während die römisch-katholische und evangelisch-reformierte Kirche in den meisten Kantonen öffentlich-rechtlich anerkannt sind und über staatliche Kirchensteuern finanziert werden, müssen nicht-anerkannte Religionsgemeinschaften ihre Budgets privat aufbringen.

Private Finanzierung und Herausforderungen

Nicht-anerkannte Gemeinschaften finanzieren sich primär durch Mitgliederbeiträge, Spenden bei Gottesdiensten und Ritualen sowie Veranstaltungen. Während alevitische Gemeinden im Kanton Zürich Budgets von 50.000 bis 100.000 Franken erwirtschaften und hinduistische Gemeinden mit bis zu 250.000 Franken rechnen, variieren die Einnahmen buddhistischer Zentren stark. Das Tibet-Institut Rikon kann zusätzlich auf Legate und den Verkauf von Medien zurückgreifen; andere kleine Gruppen sind auf ehrenamtliches Engagement angewiesen.

Die Raummiete stellt für viele Gemeinschaften die grösste Belastung dar. Äthiopisch-orthodoxe Gemeinden beispielsweise sammeln oft nur wenige hundert Franken Kollekte im Jahr, während die Miete für Gottesdiensträume allein 200 Franken pro Veranstaltung kostet. Unterstützungsgesuche an die Landeskirchen werden zwar meist bewilligt, lassen aber kaum Spielraum für eigene Projekte.

Staatliche Förderung und Weiterbildung

Um religiöse Leitungspersonen zu stärken, führen die Kantone Bern, Zürich, Solothurn und Basel-Stadt ein Pilotprojekt durch. Im Haus der Religionen erhalten Imame, Hindupriester und Vorstände anderer Gemeinschaften Weiterbildung zu Medienarbeit, Vereinsführung und staatlichen Anlaufstellen. Das Projekt soll die strukturelle Benachteiligung gegenüber den Landeskirchen reduzieren, deren Finanzierung über Kirchensteuern gesichert ist.

Infrastrukturelle Anerkennung zeigt sich auch in der Schaffung religiösspezifischer Begräbnisstätten: 2018 eröffnete Bern als erste Schweizer Stadt ein Grabfeld für Buddhisten; 2024 folgte Zürich mit einem Themen-Mietgrab auf dem Friedhof Nordheim, vorangetrieben von der SBU.